Anna Stern
im Buchladen

Anna Stern und ihr neuer Roman «der Gutachter»

Sie war vor einem knappen Jahr bereits in Stein am Rhein um ihr Debüt Schneestill vorzustellen. Am Mittwoch las sie Ausschnitte aus ihrem Nachfolgewerk, in dem es um den Bodensee geht, genauer gesagt um seine Wasserqualität und einem verschwundenen Gutachter. Kamen dessen Untersuchungen den Fischern oder den Naturschützern in die Quere? Hat er sich davongemacht, um woanders ein neues Leben zu beginnen?

Es ist eine kleine Gruppe, die im Buchladen am Rathausplatz der leisen und konzentrierten Stimme Anna Sterns lauscht. Umso lebhafter ist die anschliessende Diskussion. Die Autorin, die Umwelttechnologie studiert, in Rorschach aufwuchs und die laut Klappentext angeblich mehr Wasser als Blut in den Adern hat, zeigt ein leidenschaftliches Interesse am Zustand des Bodensees. Sie holt weit aus, um zu erklären, was dem natürlichen Zustand eines Gewässers entspricht. Dabei geht sie nicht nur auf das ökologische Gleichgewicht ein, sondern auch auf die Betroffenheit der am See lebenden Menschen, die darin baden oder sogar ihr Trinkwasser daraus beziehen. Der Phosphorgehalt und seine Folgen für den Fischbestand liessen sich zwar messen, nicht aber die Liebe zum See und auch nicht der Einkommensverlust der Fischer.

Der Bodensee ist kein Swimmingpool

Obgleich sie für die Forderung der Fischer Verständnis zeigt, den See weniger sauber zu halten, um so den Fischbestand zu erhöhen, macht sie auf die Folgen aufmerksam, die eine grössere Verschmutzung nach sich ziehen würden. Der Fischbestand entspreche heute dem Niveau zur Zeit der Fünfzigerjahre – nur trachteten damals weniger Berufsfischer davon zu leben. Die starke Fisch-Zunahme in den Siebzigerjahren war eine direkte Folge der zunehmenden Umwelterschmutzung. Die in den Achtzigern eingeleiteten Umweltschutzmassnahmen machten den See wieder sauber, insbesondere das Verbot, den Waschmittelprodukten Phosphor beizumischen. Seither stellt ein Bad im See kein Gesundheitsrisiko mehr dar.

Die Fischer argumentieren dagegen, ein so sauberer See sei «unnatürlich» und fordern einen höheren Phosphatgehalt, der zu mehr Algen führen würde und somit mehr Nahrungsquellen für die Fische. Sie blendeten dabei aus, dass zwei Millionen Menschen ihr Trinkwasser aus dem Bodensee beziehen.

Trotz allem kein «Bodensee-Krimi»

Diese Art von Diskussion sei für Lesungen in der Nähe des Bodensees typisch, stellt die 26-jährige Autorin fest. Wohingegen Besucherinnen und Besucher von Veranstaltungen in Zürich oder anderen Städten sie eher danach fragen würden, wie sie ihre schriftstellerische Tätigkeit mit ihrem Studium vereinbaren könne oder warum sie überhaupt zum Schreiben gekommen sei. Daran zeige sich die tiefgreifende Wirkung eines Gewässers auf den Alltag und das Leben seiner Anwohner. Das Ziel der heutigen Wissenschaft sei es, zukünftige Entwicklungen mit Demut und im Einklang mit der Natur zu planen.

Gerät in ihrem ersten Roman ein Student in Paris in den Sog einer anziehenden und zugleich unheimlichen jungen Frau, lebt der «Gutachter» vom Zusammenspiel zwischen der vermeintlichen Wirklichkeit und der Vorstellung, die sich ihre einzelnen Figuren von ihr machen. Der Polizist Paul Faber und seine Kollegin Elsa Michaelis der nicht genannten Stadt am Bodensee, die «jedoch Rorschach sein könnte», bilden – aber das wird sich in der Zukunft weisen – nicht das Ermittlerduo einer neuen Krimireihe. Anna Stern wollte keinen Krimi im herkämmlichen Sinn schreiben, obwohl sie sich vorstellen könnte, in ihrem nächsten Buch einzelne Protagonisten wieder zu beleben.