Isolde Süess-Morat
im Buchladen

«Aus diesen dunklen Wäldern stamme ich?»

Nach dem Tod ihres Vaters und Bruders räumt Isolde Süess-Morat das Elternhaus und entdeckt dabei die etwa 500 Briefe, die der Vater seiner Frau während des Kriegs geschrieben hatte. Die Sechzigjährige lernt so ihren Vater als jungen Mann kennen – er ist erst 24 Jahre alt, als der Weltkrieg ihn für mehrere Jahre von seiner 19-jährigen Ehefrau trennt. Aus diesen Briefen liest die Autorin einige Passagen vor, aus anderen erdichtet sie in romanhafte Sequenzen, wie der junge Soldat auf Briefe wartet und zeichnet auf diese Weise das Lebensgefühl der Generation ihrer Eltern nach. Ihre eigene Sicht als Betrachterin findet ebenfalls Eingang in ihrem Buch, das mehr als eine nachgezeichnete Familiengeschichte mit eingewobenen Zeitdokumenten ist. Erstaunt über die politische Naivität ihres Vaters, fragt sich Isolde Süess-Morat, ob sie selbst mit einem scharfsichtigeren Blick das Zusammenbrauen der Ereignisse wahrgenommen hätte, die schliesslich zum Weltkrieg geführt hatten. Ungewöhnliche viele Quellen standen Isolde Süess-Morat zu Verfügung, da bereits ihre im Hochschwarzwald angesiedelten Vorfahren Ahnenforschung betrieben hatten.

Die Geschichte beginnt 1726 mit einem schüchternen Gespräch zwischen Tochter und Vater. Wie die junge Barbara ihren Vater bittet, Joseph Morat, einen «dahergelaufenen Schweizer» aus Murten, wie dieser ihren Galan nennt, kennenzulernen. Aus diesen Zeitdokumenten und den farbigen Erzählungen ihrer Mutter hat Isolde Süess-Morat einen sehr persönlichen Roman verfasst. Die Welt fällt in den Wald versammelt fiktive und historische Familengeschichten zugleich, zwischen denen ihr eigenes Leben schliesslich nur eine Randnotiz geblieben ist. Dabei wiederholt sich in ihrer eigenen Biographie ein Muster: Auch Isolde Süess-Morat heiratete einen Schweizer, lebt seit 40 Jahren über dem Bodensee in der Nähe von St. Gallen, wo sie unterrichtete.

Die Lesung wurde von Jakob Ruppel und Marco Sigrist an den Gitarren und Banjo begleitet, ihrem ersten Auftritt als Don’t Feed Neighbor’s Cat.